
Energiewende und Industriestandort: Warum Deutschland beides zusammendenken muss
Deutschland diskutiert die Energiewende oft so, als wäre sie vor allem eine Kostenfrage: Wer soll das bezahlen? Wie teuer wird Strom? Wer kann sich das noch leisten? Dabei geht schnell unter, dass die Energiewende auch eine der größten wirtschaftlichen (industriellen) Wachstumschancen ist, die Deutschland in den nächsten Jahrzehnten hat und haben wird – oder eben nicht. Und sie entscheidet ganz konkret, welche Jobs es hier mittel- bis langfristig (10 - 20 Jahren) noch gibt.
In diesem Beitrag geht es deshalb nicht nur um Strompreise und Gesetze, sondern um eine zentrale Frage: Will Deutschland bei der Energiewende Industrie- und Technologiestandort sein – oder vor allem Absatzmarkt für Technik aus anderen Ländern?
Wo stehen wir heute?
2025 lag der Anteil Erneuerbarer Energien an der öffentlichen Nettostromerzeugung in Deutschland bei 55,9 Prozent – Wind, Sonne und Biomasse lieferten erstmals mehr als jede zweite Kilowattstunde. Im ersten Quartal 2026 stammten laut Fraunhofer ISE 54,5 Prozent der öffentlichen Nettostromerzeugung aus erneuerbaren Quellen. Beim Ausbau von Wind und Solar sind wir also gar nicht so schlecht aufgestellt. Gleichzeitig warnen viele Unternehmen der Energiewende-Branche vor unsicheren Rahmenbedingungen – und verschieben Investitionen oder bauen ihr Auslandsgeschäft aus.
Kurz gesagt: Die Frage, wo die Technik herkommt und wo die Wertschöpfung stattfindet, ist noch längst nicht entschieden.
Um zu verstehen, warum diese Frage so dringend ist, lohnt ein Blick zurück – denn Deutschland hat diese Weiche schon einmal falsch gestellt.
Wie wir unsere Solarindustrie eingebremst haben
Dass Deutschland heute so stark von importierten Solarmodulen abhängt, ist kein Zufall. Es hat viel mit politischen Entscheidungen der letzten 15 Jahre zu tun.
Der „Altmaier-Delle"
Ab 2012 wurden unter dem damaligen Umweltminister Peter Altmaier die Förderbedingungen für Solarstrom deutlich verschärft: Vergütung stark gekürzt, der Ausbau durch automatische „Absenkungsmechanismen“ gedrosselt. Die Einspeisevergütung – also der feste, staatlich garantierte Preis pro Kilowattstunde Solarstrom, die ins Netz eingespeist wird – sank deutlich. Der jährliche Ausbau von Photovoltaik brach von fast 8 Gigawatt auf unter 2 Gigawatt ein, viele Hersteller gingen in die Insolvenz. Branchen und Medien sprechen bis heute von der „Altmaier-Delle" – einem politisch ausgelösten Bruch in der Wachstumskurve.
Parallel dazu vollzog China einen der bemerkenswertesten industriepolitischen Aufstiege der letzten Jahrzehnte. Mit massiven staatlichen Investitionen, günstigen Krediten und gezielter Skalierung baute China seine Solarindustrie zu einem globalen Schwergewicht aus. Die Produktionskapazitäten explodierten, die Modulpreise fielen um über 80 Prozent – und chinesische Hersteller übernahmen den Weltmarkt. Heute produziert China mehr als 80 Prozent aller weltweit gefertigten Solarmodule. Das Ergebnis für Deutschland ist ernüchternd: 2025 stammten 88 Prozent der importierten Photovoltaikanlagen aus China, der Importwert lag fast fünfmal so hoch wie der Exportwert deutscher PV-Technik, und die heimische Modulproduktion brach in den ersten drei Quartalen 2025 nochmals um gut 60 Prozent ein. Wir haben also die Energiewende vorangetrieben – aber die Wertschöpfung und damit auch die Arbeitsplätze weitgehend ins Ausland abgegeben.
Die drohende „Reiche-Schlucht"
2026 erleben wir ein Déjà-vu. Mit dem Entwurf für das neue EEG 2027 plant Wirtschaftsministerin Katherina Reiche eine grundlegende Reform. Ein Kernpunkt: Für neue kleine PV-Dachanlagen bis 25 Kilowatt soll es ab 2027 keine feste Einspeisevergütung mehr geben. Strom aus neuen Dachanlagen soll dann nur noch zum schwankenden Marktpreis verkauft werden – abzüglich Vermarktungskosten für Dienstleister, die den Strom an der Börse verkaufen. Für viele Hausbesitzer:innen, Energiegenossenschaften und kleine Betriebe wird die Rechnung damit deutlich unsicherer und komplizierter.
Gleichzeitig liegt ein Netzpaket auf dem Tisch, das Investitionen in Regionen mit viel Wind- und Solarstrom riskanter machen würde: In sogenannten „kapazitätslimitierten" Gebieten sollen neue Anlagen bei Abregelungen keine Entschädigung mehr bekommen. Verbände sprechen von einem potenziellen „Investitionsstopp auf Ansage". Branchenvertreter und Forschende warnen bereits vor einer drohenden „Reiche-Schlucht" – in direkter Anlehnung an den Altmaier-Delle. Und es geht nicht nur um Kilowattstunden, sondern auch um Wertschöpfung und damit um Jobs. Das betrifft auch alle anderen EE-Erzeugungsformen. Nur weil der Netzausbau verschlafen wurde und nicht an der erforderlichen Geschwindigkeit zunimmt.
Kritischer als diese Einzelmaßnahme bewerten Experten den Wegfall verbindlicher Ausbauvorgaben. Der bisherige § 4a EEG legte fest, wie viel Erneuerbare Energie jährlich ausgebaut werden muss, um bis 2030 einen 80-Prozent-Anteil zu erreichen. Diese Mengenvorgaben fehlen im neuen Entwurf. Ohne konkrete Zielpfade gibt es keine Planungsgrundlage für Ausschreibungsvolumen, Netzkapazitäten und Investitionsentscheidungen.
Was das mit Abhängigkeiten zu tun hat
Wenn Deutschland erneuerbare Energie ausbaut, aber die dafür nötige Technik überwiegend importiert – Solarmodule, Windkomponenten, Batteriespeicher, Netzausrüstung –, entsteht eine neue Form von Abhängigkeit: von wenigen Lieferländern, im Moment vor allem China; von Geld, das größtenteils ins Ausland abfließt; und von industriellen Kompetenzen, die wir später nur sehr schwer wieder aufbauen können.
Wir lösen uns Schritt für Schritt von fossilen Importen – und rutschen gleichzeitig in Abhängigkeiten bei den Technologien, die wir für die Energiewende brauchen. Deshalb ist die Frage „Industriestandort oder nur Absatzmarkt?" keine abstrakte Grundsatzdebatte. Sie bedeutet ganz konkret: Haben wir hier Forschung, Entwicklung, Fabriken, Service und gute Jobs – oder vor allem Endkunden und Installateure?
Die gute Nachricht: Der Jobmarkt zeigt bereits heute, was möglich ist – wenn wir es zulassen.
Energiewende als Jobmotor – Zahlen, die für sich sprechen
Dass die Energiewende Jobs schafft, ist gut dokumentiert. Laut aktuellen Branchenzahlen arbeiteten über 400.000 Menschen im Jahr 2023 in Deutschland im Bereich Erneuerbare Energien – also bei Herstellung, Planung, Bau, Betrieb und Wartung von Anlagen; das ist der höchste Stand seit über zehn Jahren. Eine Studie von IW Köln und der Bertelsmann Stiftung zeigt: Die Zahl der Stellenanzeigen mit Bezug zur Energiewende hat sich seit 2019 mehr als verdoppelt – von 173.000 auf 372.500 im Jahr 2024. Während die Gesamtzahl aller Stellenausschreibungen 2024 infolge der wirtschaftlichen Schwächephase um rund 16 Prozent zurückging, sank sie im EnergiewendeSegment nur um rund 8 Prozent. Die Branche war also selbst in schwierigen Zeiten ein vergleichsweise stabiler Jobmotor.
Im Jahr 2023 waren rund 3,4 Millionen Menschen in Deutschland in der GreenTech-Branche beschäftigt. Das entspricht etwa 7,5% aller Erwerbstätigen und unterstreicht die stabile Bedeutung des Sektors für den deutschen Arbeitsmarkt.
Der Anteil der Beschäftigten in der GreenTech-Branche ist über die Jahre deutlich gestiegen, insbesondere seit 2010 durch Wachstum in den Bereichen umweltfreundliche Mobilität sowie Energie (Erneuerbare Energien und Energieeffizienz). Insgesamt entwickelten sich die Beschäftigtenzahlen in den meisten Teilbereichen kontinuierlich positiv. Lediglich die Erneuerbaren Energien verzeichneten Mitte der 2010er Jahre einen temporären Rückgang, bevor sie sich wieder erholten.
Diese Jobs entstehen nicht nur in Großkonzernen oder in den Metropolen. Sie entstehen im Mittelstand, bei Handwerksbetrieben, in ländlichen Regionen, bei Planungsbüros und Service- und Wartungsteams – und in neuen Rollen an der Schnittstelle von Technik und IT, etwa bei Netzdigitalisierung, Energiemanagement oder Software für Effizienz und CO₂-Management.
Was jetzt zählt – für Fachkräfte und Unternehmen
Die Energiewende ist nicht mehr aufzuhalten – nicht weil die Politik es durchsetzt, sondern weil Klimaziele, Infrastrukturalterung, hohe Kosten für Energieimporte im Bereich Öl- und Gas und globaler Wettbewerbsdruck sie physisch und wirtschaftlich unausweichlich machen. Deutschland kennt dieses Muster: In der Automobilindustrie erlebt das Land gerade, was passiert, wenn man einen Technologiewechsel verschläft – chinesische Elektroautos drängen in denselben Markt, den deutsche Hersteller jahrzehntelang beherrschten. Bei der Energiewende steht dieselbe Frage: Produzieren wir die Technik – oder kaufen wir sie?
Für Fachkräfte heißt das: GreenTech-Kompetenz ist kein deutsches, sondern ein globales Investment. Wer Windenegieanlagen plant und baut, Netze baut und digitalisiert, Speichersysteme integriert oder Effizienzprojekte umsetzt, wird gebraucht – in Deutschland, in Europa, weltweit. Politische Unsicherheit ändert das nicht. Sie verschiebt nur, wo der Bedarf zuerst abgerufen wird.
Für Unternehmen ist die Lage nüchterner. Manche werden die nächsten Jahre nicht überstehen – nicht weil ihr Geschäftsmodell falsch ist, sondern weil politische Rahmenbedingungen Investitionsentscheidungen blockieren, die längst fällig wären. Das ist eine Realität, die man ernst nehmen muss, ohne sich von ihr lähmen zu lassen. Denn die Unternehmen, die diese Phase durchhalten, werden in einem Markt stehen, der dann anzieht – und werden ihn nur bedienen können, wenn sie jetzt in die richtigen Menschen investiert haben. Fachkräfte lassen sich nicht auf Abruf aufbauen.
Deutschland lässt sich hierbei kaum noch unabhängig von Europa betrachten. Die Frage, ob ausreichend Erneuerbare Energien zur Verfügung stehen, ist beispielsweise ausschlaggebend für Stahl- oder die Chemieindustrie. Diese Arbeitsplätze werden ohne „grüne“ Leitmärkte, nicht mehr wettbewerbsfähig sein können. Dann fehlt damit die Grundlage Erneuerbare Energien unabhängig von Drittländern bauen zu können, neben bekannten weiteren Engpässen, für die es Lösungen braucht. Das betrifft dann alle Industriezweige, die von diesen Industrien abhängig sind. Somit geht es nicht mehr um die Energiewende, sondern um die Perspektive der Arbeit in Deutschland und Europa.
GREENGANY verbindet beide Seiten: Unternehmen, die die Transformation trotz allem vorantreiben wollen, mit den Menschen, die dafür ausgebildet und motiviert sind. Nicht als Versprechen, sondern als Beitrag dazu, dass zunächst Deutschland bei der Energiewende mehr bleibt als ein großer, gut belieferter Markt.
Quellen: Destatis (PV-Importstatistik 2025); GWS im Auftrag des BMWK (Bruttobeschäftigung erneuerbare Energien 2023); IW Köln / Bertelsmann Stiftung, „Die Energiewende als Jobmotor“ (März 2025); Umweltbundesamt, „Beschäftigung im Umweltschutz“ sowie GreenTech-Atlas 2025; Cleanthinking.de, „EEG-Novelle und Solarhandwerk“; Fraunhofer ISE, „Öffentliche Stromerzeugung 2025 – Wind und Solar erstmals als Doppelspitze“; BBH Blog / GÖRG (EEG-Arbeitsentwurf 2027).