
Fachkräfte für die Windenergie: Ein Gespräch mit Prof. Torben Terwey von der HAW Kiel
Wer Windparks entwickeln, bauen und betreiben will, braucht qualifizierte Fachkräfte – und die stehen nicht auf Abruf bereit. Im Master Wind Energy Engineering, den die Hochschule Flensburg gemeinsam mit der HAW Kiel anbietet, lernen Studierende, wie Windenergieanlagen an Land und auf See geplant, entwickelt, gebaut und betrieben werden. Wir haben mit Prof. Torben Terwey gesprochen, Professor für Erneuerbare Offshore-Energien an der HAW Kiel, der den Studiengang auf Kieler Seite leitet: darüber, was die Absolventinnen und Absolventen können, wo sie arbeiten, wie Unternehmen sie kennenlernen – und warum er trotz der aktuellen Unsicherheit weiter zur Windenergie rät.
Zum Studiengang
Sie leiten den Master Wind Energy Engineering an der HAW Kiel. Wer studiert dort – mit welchem Bachelor und welcher Motivation kommen die Studierenden zu Ihnen?
Mit unserem Bachelor-Studiengang „Erneuerbare Offshore-Energien“ (EOE) sprechen wir vor allem junge Menschen an, die sich für Technik begeistern und die besonderen Herausforderungen auf See spannend finden. Der englischsprachige Master „Wind Energy Engineering“ ist ein gemeinsames Angebot mit der Hochschule Flensburg. Hier treffen vor allem Absolventinnen und Absolventen aus dem Maschinenbau, der Elektro- und Energietechnik sowie der Mechatronik aufeinander – viele von ihnen kommen aus dem Ausland.
Was können Ihre Absolventen am Ende, was ein Maschinenbauer oder Elektrotechniker ohne den Abschluss bei Ihnen nicht kann?
Unsere Studierenden lernen insbesondere die Anforderungen von Offshore-Systemen kennen. Dazu gehören Windenergieanlagen, maritime Umgebungsbedingungen, Netzanbindung, Betrieb und Instandhaltung. Die Verbindung aus Spezialisierung, Systemverständnis und Schnittstellenkompetenz unterscheidet sie von klassisch ausgebildeten Maschinenbauern oder Elektrotechnikern.
Zur Praxis
Sie kommen direkt aus der Industrie. Was hat Ihnen bei thyssenkrupp Rothe Erde bei Berufseinsteigern gefehlt – und wie fließt das heute in Ihre Lehre ein?
Berufseinsteiger bringen in der Regel fundiertes Fachwissen mit. Was ihnen noch fehlt, ist Erfahrung damit, wie technische Entscheidungen unter realen Bedingungen getroffen werden: unter Zeit- und Kostendruck, mit unvollständigen Informationen und über Fachgrenzen hinweg. Ein enger Kontakt zur Industrie ist daher ein wichtiger Teil unserer Lehre.
Sie sagen, im Triebstrang entscheidet sich, wie zuverlässig eine Turbine arbeitet. Welche Rolle spielen dabei Menschen und Qualifikation, nicht nur Technik?
Zuverlässigkeit entsteht aus dem Zusammenspiel des gesamten Systems. Kleine Fehler an einer Komponente können an anderer Stelle große Auswirkungen haben. Deshalb braucht es Menschen, die nicht nur ihren eigenen Verantwortungsbereich kennen, sondern auch dessen Einbindung in das Gesamtsystem verstehen. Das gilt für Entwicklung und Auslegung ebenso wie für Fertigung, Montage, Betrieb und Instandhaltung.
Zur aktuellen Lage
Die Windbranche diskutiert gerade intensiv über Investitionssicherheit – an Land über das EEG 2027, auf See über die Novelle des Windenergie-auf-See-Gesetzes. Was raten Sie Unternehmen, die deshalb überlegen, Einstellungen zu verschieben – und was raten Sie Studierenden, die sich fragen, ob Windenergie noch das richtige Feld ist?
Unternehmen brauchen verlässliche politische Rahmenbedingungen. Einstellungen aufzuschieben, halte ich dennoch für kurzsichtig: Qualifizierte Fachkräfte stehen nicht sofort bereit, wenn Projekte wieder Fahrt aufnehmen. Auch Betrieb, Wartung, Netzintegration und die Weiterentwicklung bestehender Anlagen bleiben wichtige Aufgaben. Studierenden würde ich daher weiterhin zur Windenergie raten. Unsere Studiengänge vermitteln aber auch Querschnittskompetenzen, die auch in anderen Offshore- und maritimen Anwendungen gefragt sind. Damit eröffnen sich vielfältige berufliche Perspektiven – auch über die Windenergie hinaus.
Zum Arbeitsmarkt
Wo landen Ihre Absolventen: bei Herstellern, Zulieferern, Betreibern, Dienstleistern? Und wo würden Sie sich mehr Nachfrage wünschen?
Unsere Absolventen arbeiten bei Herstellern, Zulieferern und Betreibern ebenso wie in Ingenieurbüros, bei Zertifizierern oder spezialisierten Dienstleistern. Die Aufgaben reichen von Entwicklung und Berechnung über Betrieb und Instandhaltung bis zur Projektierung und zum technischen Management. Mehr Nachfrage würde ich mir besonders aus der Zulieferbranche wünschen. Dort sind viele hervorragend ausgebildete Maschinenbauer tätig. Unsere Absolventen ergänzen dieses Fachwissen aber durch ein umfassendes Systemverständnis und können so wichtige Schnittstellen zwischen Komponenten, Gesamtanlage und Offshore-Infrastruktur besetzen.
Wenn ein Unternehmen Ihre Studierenden kennenlernen möchte: Wo und wie gelingt das am besten?
Wir suchen aktiv den Austausch mit Unternehmen und schaffen gezielt Gelegenheiten für persönliche Begegnungen. Dazu gehören Exkursionen, Kontaktbörsen wie der „Tag des Schiffbaus“ unserer Kollegen aus dem Schiffbau und Fachsymposien wie „Forschung für die Energiewende“ am 5. November 2026 in Kiel. Besonders wichtig ist uns auch der Offshore.Club Kiel, das Netzwerk der Alumni und aktiven Studierenden des Studiengangs EOE. Beim Clubabend zum Ende jedes Semesters bringen wir Unternehmen, Studierende und Ehemalige direkt miteinander ins Gespräch.
Persönliches
Ihr eigener Weg ging von der Ausbildung zum Industriemechaniker über Aachen und Hannover in die Industrie und jetzt an die Hochschule. Was würden Sie jemandem sagen, der heute am Anfang steht?
Ich habe das Gymnasium nach der mittleren Reife verlassen und eine Ausbildung zum Industriemechaniker absolviert. Danach habe ich gearbeitet und parallel auf der Abendschule mein Abitur nachgeholt. Es folgten das Studium in Aachen und die Promotion in Hannover. Mein Weg zeigt: Weder der Startpunkt noch ein Umweg entscheiden darüber, wohin man kommen kann. Wichtig sind Neugier, Ausdauer und der Mut, Chancen zu ergreifen.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Professor Terwey. Das Interview führte Ganimete Scholz.
Zur Person
Prof. Dr.-Ing. Torben Terwey ist seit Mai 2026 Professor für Erneuerbare Offshore-Energien mit Schwerpunkt Windenergietechnik an der HAW Kiel und leitet auf Kieler Seite den Masterstudiengang Wind Energy Engineering, den die Hochschule Flensburg gemeinsam mit der HAW Kiel anbietet. Nach einer Ausbildung zum Industriemechaniker studierte er Maschinenbau an der RWTH Aachen und promovierte an der Leibniz Universität Hannover. Zuvor war er bei thyssenkrupp Rothe Erde Teamleiter Rolling Bearings & Tribology und entwickelte dort Rotorlager für Windenergieanlagen.
Mehr erfahren
Master Wind Energy Engineering (Hochschule Flensburg und HAW Kiel) · Bachelor Erneuerbare Offshore-Energien · Offshore.Club Kiel
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