
436.300 Jobs: der Rekord der Energiewende – und warum er auf der Kippe steht
2025 arbeiteten 436.300 Menschen in Deutschland in den erneuerbaren Energien – ein neuer Höchststand seit Einführung des EEG. Das zeigt das neue Focus Paper der Bertelsmann Stiftung. Die gute Nachricht zu feiern und weiterzugehen, wäre trotzdem ein Fehler. Denn dieselbe Studie zeigt, wie schnell aus einem Höchststand wieder ein Einbruch werden kann.

Bruttobeschäftigung in den erneuerbaren Energien 2025 nach Technologie, Summe 436.300. Farbe: Entwicklung seit 2023. Quelle: GWS-Kurzmitteilung 2026/12.
Ein Rekord auf einer Achterbahn
Dass die Energiewende Jobs schafft, ist nicht neu – neu ist nur die Zahl. Bekannt ist auch das Muster dahinter: Die Beschäftigung in den Erneuerbaren reagiert extrem empfindlich auf Politik. Boom bis 2011, Solar-Einbruch ab 2012, Wind-Bruch ab 2017, Stagnation, dann erneuter Aufschwung. Warum das ein wiederkehrendes Muster ist und keine Ausnahme, haben wir in „Energiewende und Industriestandort" beschrieben. Was wir bei GREENGANY täglich sehen, bestätigt die Studie mit Zahlen: Energiepolitik ist immer auch Arbeitsmarkt- und Industriepolitik.
Was die Rekordzahl auf den ersten Blick nicht zeigt
Ein Rekordwert – und dahinter sieben völlig verschiedene Geschichten. Die 436.300 fassen alle Technologien zu einem einzigen Wert zusammen – und genau darin verschwinden die Gegensätze. Den Aufschwung trägt die Windkraft. Die Photovoltaik dagegen verliert Jobs, und das, obwohl selten so viele Solaranlagen installiert wurden: über 17 Prozent weniger Beschäftigte seit 2023, weil die Module überwiegend aus dem Ausland (ganz konkret aus China) kommen. Mehr Anlagen, weniger Arbeit im Inland. Am deutlichsten führt es die Wärmepumpe vor: Allein die Debatte ums Heizungsgesetz ließ den Einbau von 350.000 (2023) auf 200.000 Anlagen (2024) einbrechen – und die Jobs mit ihm. Dass der Absatz 2025 wieder auf knapp 300.000 stieg, ändert nichts an der Lehre, im Gegenteil: Es zeigt, wie unmittelbar Arbeitsplätze im Handwerk an politischer Verlässlichkeit hängen.
Warum der Rekord auf der Kippe steht
Die Bundesregierung arbeitet an vier Vorhaben gleichzeitig: Netzpaket, EEG-Novelle, Gebäudemodernisierungsgesetz und Versorgungssicherheitsgesetz. Jedes verfolgt für sich nachvollziehbare Ziele – Bezahlbarkeit, Versorgungssicherheit, ein stabiles System –, doch die konkrete Ausgestaltung ist bei allen sehr umstritten. Wie sehr, zeigt der geplante Redispatch-Vorbehalt: Neue Anlagen in Engpassregionen sollen bis zu zehn Jahre auf Entschädigungen verzichten – betroffen wäre fast ein Viertel aller Landkreise, auf dem Spiel stehen rund 45 Milliarden Euro an anstehenden Investitionen, und selbst die Energieministerkonferenz der Länder lehnt die Regelung ab. Die Studie fordert, die Reformen nicht isoliert zu bewerten: Redispatch-Vorbehalt, Baukostenzuschüsse, neue Direktvermarktungspflichten, ein Wegfall der Förderung kleiner Dachanlagen, geänderte Heizungsregeln und eine Kapazitätsmarktumlage können zusammen deutlich stärker wirken als jede Maßnahme für sich – und genau die Investitionszurückhaltung auslösen, die der Branche schon zweimal Beschäftigung gekostet hat. Ihre zentrale Empfehlung: die Reformen „beschäftigungsfest" machen – mit Planungssicherheit statt Stop-and-Go, einem gemeinsamen Umsetzungsfahrplan und einer arbeitsmarktpolitischen Folgenabschätzung, bevor ein Gesetz greift, nicht erst, wenn die Jobs weg sind.
Nicht nur wie viele Jobs – sondern welche
Der Blick der Studie reicht dabei über die reine Jobzahl hinaus. Mit dem wachsenden Anteil der Erneuerbaren verschiebt sich der Schwerpunkt – weg vom bloßen Zubau einzelner Anlagen, hin zur Integration in ein komplexes System aus Netzen, Speichern, digitaler Steuerung und Wärmewende. Damit ändern sich auch die gefragten Kompetenzen: in Handwerk und Planung ebenso wie in Netzbetrieb, Speicherintegration und neuen Energiedienstleistungen. Entscheidend wird künftig nicht nur, wie viele Stellen entstehen, sondern ob die richtigen Fähigkeiten dort verfügbar sind, wo sie gebraucht werden.
Was die Bertelsmann Stiftung empfiehlt – und wo wir mit GREENGANY ansetzen
Wo sollen diese Fähigkeiten herkommen? Die Studie nennt zwei Wege. Erstens: vorhandene Beschäftigte gezielt nachqualifizieren – mit Weiterbildung, die modular und betriebskompatibel organisiert ist, damit niemand dem Betrieb lange fehlt. Zweitens: „Umstiege aus verwandten Branchen und aus Bereichen, die vom Strukturwandel betroffen sind", erleichtern – Beschäftigten aus der Industrie und der fossilen Energie soll der Wechsel in die Erneuerbaren ermöglicht werden.
Genau an dieser Stelle sehen wir bei GREENGANY täglich die Lücke: Viele dieser Menschen bringen verwertbare Kompetenzen mit, werden aber übersehen, weil Bewerbungsprozesse nach Lebenslauf-Stichworten filtern statt nach Können. Und weil sich Fähigkeiten nie zu hundert Prozent übertragen lassen, gehören Umstieg und Qualifizierung zusammen.
Dafür haben wir GREENGANY gebaut: Unser Matching erkennt übertragbare Fähigkeiten – auch dann, wenn verschiedene Branchen dieselbe Kompetenz unterschiedlich benennen. Der GANY-Score zeigt beiden Seiten in Prozent, wie gut Profil und Stelle zusammenpassen, und die Skills-Gap-Analyse macht aus dem, was fehlt, keinen K.-o., sondern einen Qualifizierungspfad. Für Quereinsteiger:innen geht die Potenzialanalyse noch einen Schritt weiter: Sie zeigt, wo die eigenen Fähigkeiten in den Erneuerbaren am besten Anschluss finden – und liefert direkt die passenden Jobvorschläge dazu.
Fazit
Energiepolitik ist immer auch Arbeitsmarkt- und Industriepolitik. Die 436.300 Beschäftigten des Jahres 2025 zeigen, welches Potenzial in der Energiewende steckt – die 25 Jahre davor zeigen, wie sehr dieses Potenzial von verlässlicher Politik abhängt. Beschäftigung wächst, wenn Ziele, Förderung und Genehmigungen zusammenpassen, und bricht ein, wenn abrupte Kurswechsel Investitionen verunsichern. Sie hängt dabei nicht an Ausbauzahlen allein, sondern daran, wo Wertschöpfung entsteht und ob die benötigten Kompetenzen rechtzeitig dort verfügbar sind, wo sie gebraucht werden.
Die zentrale Empfehlung der Studie lautet daher, die geplanten Reformen „beschäftigungsfest" zu machen: Die Bundesregierung sollte verhindern, dass vier Gesetzesvorhaben zusammen eine Investitionszurückhaltung auslösen. Denn aus der Geschichte der erneuerbaren Energien folgt eine klare Warnung – verlorene inländische Wertschöpfung, geschlossene Betriebe und abgewanderte Fachkräfte lassen sich nicht schnell zurückholen, wenn der Ausbau später wieder beschleunigt werden soll.
Quelle: Fingerhut, J. & Wink, R. (2026): Beschäftigung in den erneuerbaren Energien. Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Gütersloh; GWS-Kurzmitteilung 2026/12.